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Ich weiß es nicht.
Ich muss irgendwann mit ca. 13 angefangen haben. Ich kann mich noch
genau erinnnern, wie im Fernsehen ein Zeichentrick von Mr. Rossi,
der sich die Haare raufte, lief. Irgendwann habe ich dann kurz darauf
auch damit angefangen. Ich hatte eine Freundin gesehen, die Haarspliss
bearbeitete und ich wollte doch auch keinen Spliss haben.
Leider hat sich das dann verselbständigt. Mittlerweite bin ich fast
30 Jahre und versuche verzweifelt davon los zu kommen. Mal ist der
Wunsch stark, es nie wieder zu tun, manchmal ganz schwach und ich
gebe mich dem Verlangen hin. Dann helfen auch keine guten Worte
von Eltern oder Ehemann, der Drang ist einfach stärker.
Die Trichotillomanie begleitet mich jetzt schon mehr als die Hälfte
meines Lebens. Vor meiner ersten näheren Freundschaft habe ich das
noch geheim gehalten. Bei meinem ersten richtigen Freund habe ich
dann darüber gesprochen. Aber alles, das Verständis und die Akzeptanz,
die mir entgegengebracht wurden, war falsch. Sie war zu überprotektiv.
Ich
bearbeite meine Haare seit je her in unterschiedlicher Intensität.
Bei Streß gehäuft, da habe ich auch im Berufsleben keine Chance
dem Drang zu wiederstehen. Selbst wenn mein Chef dabei sitzt, muß
ab und zu ein Haar dran glauben. Grundsätzlich sind das nicht nur
die Kopfhaare, sondern alle Haare des menschlichen Körpers. Mittlerweile
ist ein riesiges Areal auf meinem Hinterkopf und an der Front "abgegrast",
so dass man es kaum noch verstecken kann. Dabei werden mit Vorliebe
dunkle oder Haare, die einen Splißansatz haben oder uneben / wellig
(und deshalb "schlechte Haare") sind herausgerissen; die Wurzel
wird begutachtet, für gesund befunden und weggeschmissen. Falls
sie nicht gesund war, hatte das Haar sowieso keine Daseinsberechtigung.
Ich weiß, wie schlimm sich das jetzt anhört, aber so ist es nun
einmal.
Weil
ich nun merke, dass etwas passieren muß, kämpfe ich dagegen vermehrt
an. Ich musste mir aber eingestehen, dass ich zwar seit mehreren
Tagen das Ausreißen von Kopfhaar in Griff habe, jedoch nicht das
"Splissvernichten" und das Reißen anderer Körperhaare. Es ist für
mich ein ziemlicher Tiefschlag, mir das einzugestehen.
Mein
Vater hatte ziemlich bald bemerkt, dass ich Haare reiße und hat
mich zur Rede gestellt. Ich fand und finde es immer sehr demütigend,
wenn gefordert wird, dass ich meinen Kopf zeige. Es ist mittlerweile
mit Alpträumen behaftet. Meine Mutter sagt nur, wie eklig sie mich
und die Haare findet und das ich nur Schmutz mit meinen Haaren hinterlassen
würde. Dabei fällt mir ein, dass ihre Tante mich einmal in einem
anderen Zusammenhang angesprochen hatte und mir erzählte, dass meine
Mutter in der Kindheit mit ihren Fingern immer "so komisch" ihre
Haare gedreht und gezwirrlt hätte". Ich frage mich, ob das nicht
irgendwie dasselbe ist. Darauf angesprochen, sagt meine Mutter,
dass diese Tante lügt.
Die
Ursache für die Trichtotillomanie sehe ich in meinen Minderwertigkeitskomplexen.
Ich habe zwar studiert und eine gute Stelle, aber ich halte mich
für unfähig. Zwar weiss ich ganz genau, dass ich bei meinen Kollegen
und Vorgesetzten gut angesehen bin und ich kenne (eigentlich?) meine
Fähigkeiten, aber irgendetwas im Inneren in mir sagt mir, dass ich
ein Betrüger bin und überhaupt gar nichts kann.
Ich
lege zu weilen einen Perfektionismus an den Tag, dass es beängstigend
sein kann. Auch hier merke ich, dass dies krankhafte Ansätze sind
und ich sie kontrollieren muss, bevor ich entdeckt werde, oder eine
neue Form einer Zwangskrankheit auftreten könnte.
Wenn mein Schreibtisch dann im Vergleich zu den anderen zu ordentlich
aussieht, lasse ich absichtlich etwas liegen, damit niemand auf
die Idee kommt, dass es zu ordentlich sein könnte. Warum ich heute
schreibe? Ich bin gerade sehr angespannt, so dass mir die innere
Anspannung fast die Luft zum Atmen nimmt und ich das Gefühl habe
zu ersticken. Meine Armmuskulatur ist komplett gespannt. Aber ich
möchte, ich WILL, ich MUSS unbedingt aufhören. Also schreibe ich.
Vielleicht hilft das.
Zwänge
haben mein Leben schon immer beherrscht. Ich habe mein Studium direkt
durchgezogen. Ohne Pausen. Ohne Wiederholungen. Wie ich um eine
Verschnaufpause / ein Semester zum Lernen gebeten habe, hatten meine
Eltern schwer geschimpft. Mir war auch noch deutlich bewusst, was
passiert ist, als ich beim ersten Anlauf durch die Führerscheinprüfung
geflogen bin. Danach musste ich alles selbst zahlen, damit ich besser
lernte, worauf ich natürlich bestand.
Und so ist es jetzt auch im Leben. Ich arbeite ganztags mit zum
Teil deutlich mehr als 50 Stunden pro Woche, habe einen 3 jährigen
tollen Sohn, um den ich mich gerne mehr kümmern würde. Als ich meiner
Mutter vorgeschlagen habe, beruflich etwas kürzer zu treten, hat
sie nur gemeint, dass sie damals alles mit links geschafft hat,
und dazu hatte sie ja noch ein neues großes Haus zu versorgen. Ich
soll mich nicht so anstellen und jammern.
Also
arbeite ich von morgens bis spät und auch am Wochenende. Ich bin
schon gar nicht mehr gewohnt, irgendwann innezuhalten. Selbst in
den Semesterferien habe ich so gut wie immer gejobbt. Alle Tage
im Urlaub sind meistens von vorne herein zugeplant. Schließlich
will ich meinem Sohn etwas bieten können in der wenigen Zeit, in
der ich bei ihm bin. Mein Sohn dankt es mir voll. Es tut wahnsinnig
gut zu hören: Du bist super, Mama. Da freue ich mich immer gaaaanz
riesig. Für ihn würde ich alles tun.
Leider
habe ich das Gefühl, dass ich mit dem erlernten Anspruchsdenken
auch meinen Mann miteinbeziehe. Aber ich denke, da unsere Beziehung
auf der Kippe stand, dass ich mich schon gebessert habe. Mehr möchte
ich dazu nicht aufschreiben, denn ich möchte diese Zeilen meinem
Mann geben, damit er mich verstehen lernt. Denn ich habe das Gefühl,
das er mich gar nicht versteht.
Heute Morgen zum Bespiel kam ein Satz: ich habe mir die Haare zu
kurz geschnitten. Soll ich jetzt zu meinen Kollegen sagen, dass
das Trichotillomanie ist? Das tat so weh. Schliesslich weiss das
sonst kaum einer. Auch wenn es nur als Witz gemeint war. Damit kann
man keine Witze machen, denn ich leide fürchterlich darunter und
könnte eigentlich nur noch weinen.
Was
erwarte ich eigentlich von meinem Mann? Ich habe vor ein paar Tagen
gesagt, dass ich gerne nach Braunschweig zum Haaranschweißen mit
ihm gehen würde. Als ich dann den Preis gesehen habe, habe ich es
mir natürlich wieder aus dem Kopf geschlagen. Aber so etwas in der
Art. Das er Verständnis hat.
Dass
er keine Witze darüber reißt.
Dass er sich die Homepage von Trichotillomanie.de anschaut und mal
andere Erfahrungsberichte liest. Ich habe ihn darauf hingestoßen,
aber passiert ist nichts.
Dass er toleriert, wenn ich dem Zwang nicht wiederstehen kann und
nicht sagt, hör auf.
Das er mich liebt, wie ich bin.
Ja liebt.
Ich habe nicht das Gefühl, von ihm geliebt zu werden, sondern eigentlich
nur gebraucht.
Als Mutter für unseren Sohn.
Als Hausfrau.
Als Mutterersatz.
Dabei hätte ich gern etwas Liebe.
Vielleicht 1 mal am Tag eine 5 minütige Krauleinheit oder Massageeinheit
oder einfach nur "liebdrücken". Nicht nur immer anschreien.
Ohne Gemecker. Ohne "die Zeit ist schon um". Ohne Witz.
Einfach mit viel Liebe und den Ernst der Lage sehend.
Ich weine schon fast wieder.
Ist dies vielleicht der Schlüssel zum Erfolg?
Vielleicht.
Punkt
1 fehlendes Selbstbewusstsein bearbeitet ja gerade unbewusst
mein Sohn mit : Du bist super, Mama.
Punkt
2 dominante Mutter, der man nichts recht machen kann bearbeite
ich selbst, indem ich den Kontakt aufs Nötigste minimiere und Gespräche
im Keim ersticke, die mich belasten, und mich schnell verabschiede.
Punkt
3 meine Gefühle Ich glaube, die gehe ich gerade mit diesem indirekten
Brief an meinen Mann an. Vielleicht versteht er mich ja.
Von
Butterfly, November 2005
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