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Trichotillomanie
(TTM) ist gekennzeichnet durch wiederholtes Ausreißen der eigenen Haare.
Schätzungsweise ein bis drei Pro-zent der Bevölkerung sind von der Störung
betroffen, in Deutschland also ca. 800 000 bis 2,4 Millionen Menschen.
Trotzdem ist diese Krankheit bis heute nur unzureichend erforscht. TTM
gilt als eine Störung der Impulskontrolle, ist aber aufgrund verschiedener
Ähnlichkeiten auch dem Spektrum der Zwangsstörungen zugeordnet worden.
Bei Zwangsstörungen deuten Ergebnisse zahlreicher Studien auf kognitive
Funktionsstörungen hin. Typisch bei Menschen mit einer Zwangsstörung scheinen
Beeinträchtigungen in der gezielten Unterdrückung (intentionalen Hemmung)
von Gedanken und Störungen in Exekutivfunktionen (übergeordnete kognitive
Kontrollprozesse) zu sein.
Die Erforschung kognitiver Funktionen hat wesentlich zum Verständnis von
Entstehung und Aufrechterhaltung psychischer Störungen beigetragen, und
dieses Wissen konnte gewinnbringend für die Entwicklung von effektiven
Therapiekonzepten (u. a. für Angst- und Zwangserkrankungen) genutzt werden.
Kognitive Funktionen bei TTM, die zur Erklärung der Störung und damit
zur Ableitung von Behandlungsstrategien hilfreich sein könnten, sind kaum
untersucht worden. Daher soll hier zusammenfassend der Frage nachgegangen
werden, ob TTM durch Auffälligkeiten in kognitiven Funktionen gekennzeichnet
ist und ob diese gegebenenfalls störungstypisch sind. Untersucht wurden
die Fähigkeit zur gezielten Unterdrückung (intentionale Hemmung) von motorischen
Impulsen (die Tendenz, auf einen Reiz mit einer bestimmten Bewegung zu
reagieren), die Fähigkeit zur intentionalen Hemmung von Kognitionen und
die Integrität exekutiver Funktionen (z.B. die Fähigkeit zum Planen und
Problemlösen). Die charakteristischen Symptome der TTM (wiederholtes Ausreißen
der Haare) könnten, ähnlich wie bei den Zwangsstörungen, auf Defizite
in diesen Bereichen zurückgehen.
Methode
Es wurden 26 Personen mit TTM, 22 Personen mit einer Zwangsstörung und
26 gesunde Kontrollpersonen am Massachusetts General Hospital in Boston,
USA, untersucht. Der Ablauf: Einem strukturierten diagnostischen Interview
(SCID) von etwa 45 Minuten Dauer folgte eine zweistündige Testphase. Sie
setzte sich zusammen aus einem 'GoNogo'-Experiment, einem 'Directed Forgetting'-Experiment
und einer neuropsychologischen Testbatterie sowie Fragebögen.
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-Ergebnisse
GoNogo-Experiment.
In der Fähigkeit zur intentionalen Hemmung motorischer Impulse zeigten
sich bedeutende Gruppenunterschiede. Die gesunden Kontrollpersonen
und die Zwangspatienten bearbeiteten das Experiment tendenziell
entweder langsam und fehlerreich (inkompetent) oder schnell und
fehlerarm (kompetent). Im Gegensatz dazu bearbeiteten die TTM-Probanden
das Experiment entweder schnell und fehlerreich (impulsiv) oder
langsam und fehlerarm (vorsichtig). Diese Ergebnisse deuten darauf
hin, dass eine Untergruppe der TTM-Probanden durch Schwierigkeiten
in der absichtlichen Kontrolle von motorischen Impulsen gekennzeichnet
ist. Weiterführende Analysen lassen den Rückschluss zu, dass die
extrem impulsiven TTM-Probanden früher erkrankt sind als die sehr
vorsichtigen.
-Directed
Forgetting-Experiment. Auch in der Fähigkeit zur gezielten
Unterdrückung von Kognitionen konnten Gruppenunterschiede nachgewiesen
werden. Den Probanden mit einer Zwangsstörung fiel es offenbar schwer,
negativ bewertete Wörter absichtlich zu vergessen. TTM-Probanden
zeigten diese Schwierigkeiten nicht. Zusätzliche Gruppenunterschiede
wurden in der Bewertung des Emotionsgehalts der präsentierten Wörter
gefunden. Probanden mit TTM oder einer Zwangsstörung scheinen demnach
nicht die bei Gesunden gefundene Neigung zu besitzen, positiv bewertete
Information vorrangig vor negativer zu erinnern.
-Neuropsychologische
Testbatterie. Auch im Bereich der Exekutivfunktionen wurden
signifikante Gruppenunterschiede gefunden. TTM-Probanden fiel es
schwerer als den gesunden Kontrollpersonen, eine alternierende (hin
und her wechselnde) Reaktionsfolge aufzubauen (Test: OAT). Im Gegensatz
dazu zeigten Zwangspatienten im Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen
eine beeinträchtigte Fähigkeit aus Feedback zu lernen (Test: WCST).
In grundlegenden verbalen oder visuellräumlichen Fähigkeiten sowie
verbalen und nonverbalen Gedächtnisleistungen wurden keine Unterschiede
zwischen den drei Versuchsgruppen gefunden.
Diskussion
Insgesamt scheinen kognitive Fehlfunktionen durchaus eine Rolle
bei TTM zu spielen. Folgende mögliche Erklärungen bezüglich TTM,
die sich aus den Ergebnissen der Studie ableiten ließen, sollten
weiter untersucht werden: Eine mangelnde Neigung, positive Informationen
vorrangig vor negativen Informationen zu erinnern, könnte den wahrgenommenen
Stresslevel erhöhen und dadurch die Anwendung von Stressreduktionsmaßnahmen
(wie z.B. das Haareausreißen) auslösen.Ein gesteigertes Maß an Impulsivität
und damit verbundene Schwierigkeiten, motorische Impulse zu unterdrücken,
wie sie bei einigen TTM-Personen beobachtet wurden, könnte die Wahrscheinlichkeit
des Haareausreißens, das einen schnellen und effizienten Spannungsabbau
zu ermöglichen scheint, erhöhen. Darüber hinaus könnte eine verminderte
Reaktionsflexibilität dafür (mit)verantwortlich sein, dass TTM-Personen
häufig von Schwierigkeiten berichten, eine einmal initiierte Episode
des Haareausreißens zu unterbrechen bzw. zu beenden.
Zusammenfassend stellt sich TTM auf der Grundlage dieser Daten als
eigenständiges Störungsbild dar, das wesentliche Unterschiede zu
Zwangsstörungen aufweist. Eine Zuordnung der TTM zur Gruppe der
Zwangsstörungen oder Zwangsspektrumstörungen, wie sie in der Fachliteratur
z.T. gefordert wird, erscheint vor diesem Hintergrund fraglich.
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GoNogo-Experiment.
Das GoNogo-Experiment soll die Fähigkeit zur intentionalen
Hemmung von motorischen Impulsen untersuchen. Dazu werden
zwei Arten von Reizen präsentiert. Auf den einen Reiz ('GO'-Signal)
soll mit einem möglichst schnellen Tastendruck reagiert, beim
anderen Reiz ('NOGO'-Signal) soll nicht reagiert werden. Falsch-positive
Reaktionen (Tastendruck bei Präsentation des NOGO-Signals)
gelten als Ausdruck beeinträchtigter motorischer Im-pulskontrolle.
Directed Forgetting-Experiment.
Zur Überprüfung der Fähigkeit zur intentionalen Hemmung von
Kognitionen wurde ein Directed Forgetting-Experiment durchgeführt.
Dabei wird der Gedächtnis-abruf von Wörtern, die erinnert
werden sollen ('REMEMBER'-Wörter), verglichen mit Wörtern,
die absichtlich vergessen werden sollen ('FORGET'-Wörter).
Hier bestanden REMEMBER und FORGET Wortlisten jeweils aus
sieben Wörtern der Kategorie 'TTM' (z.B. "balding"; dt.: 'Haare
verlieren') und sieben neutralen Wörtern der Kategorie 'Küche'
(z.B. "boiling"; dt.: 'kochen'). Im Falle einer intakten Fähigkeit
zur intentionalen Hemmung von Kognitionen werden mehr REMEMBER-
als FORGET-Wörter erinnert. Neuropsycho. Testbatterie.
Die neuropsychologische Testbatterie wird eingesetzt,
um verbale und visuell-räumliche Fähigkeiten, verbale und
nonverbale Gedächtnisleistungen und die Integrität exekutiver
Funktionen zu untersuchen. Hier beinhaltete die Testbatterie
z.B. die Tests "Wechsler Adult Intelligence Scale-Revised",
"Object Alternation Task" (OAT) und "Wisconsin Card Sorting
Test" (WCST).
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Die
derzeitige Zuordnung zur diagnostischen Kategorie der Impulskontrollstörungen
scheint angesichts der hier vorgestellten Ergebnisse zumindest für einen
Teil der TTM-Personen angemessen. Allerdings ergeben sich vermehrt Hinweise
darauf, dass TTM ein vielschichtiges Störungsbild mit unterschiedlichen
Untergruppen darstellt, das sich universell in keine der vorhandenen Kategorien
zufriedenstellend einordnen lässt. Dimensionale Klassifizierungsansätze,
wie z.B. die Einordnung von TTM in ein Impulsivitäts-Zwanghaftigkeits-Spektrum,
könnten eine sinnvolle Alternative darstellen.
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