| |
|
Bei
diesem Beitrag handelt es sich nicht um einen fertigen Artikel
sondern eher um ein Zusammentragen von Gedanken und, den Versuch
diese Gedanken zu sortieren und einzuordnen, um uns allen ein bißchen
zu helfen die Zusammenhänge und Automatismen bei Trich zu verstehen
und uns selbst dabei ein bißchen betrachten zu können.
Der
Beitrag ist von Rahel , welche betont, dass der Inhalt "nicht
auf ihrem Mist gewachsen sei", sondern von den ForumsteilnehmerInnen
der letzten Jahre gemeinsam erarbeitet wurde.
Mir
hatte der Beitrag im Forum so gut gefallen, dass ich Rahel bat ihn
hier veröffentlichen zu dürfen, was sie mir freundlicherweise
gestattete.
|
|
|
In
diesem und den folgenden Postings stelle ich einen Gedankengang
zur Trichotillomanie vor, der mich schon seit einer Weile beschäftigt
und den ich vor allem relevant finde bei meinem Kampf für ein trichfreies
Leben - von dem ich glaube, daß es möglich ist!
Alles,
was ich geschrieben habe, konnte natürlich nur auf Grundlage bisheriger
Diskussionen hier und anderswo entstehen und ich beanspruche zwar
das Copyright für die Form, in der ich es jetzt aufgeschrieben habe,
keineswegs jedoch für den Inhalt.
Ich
spreche in erster Linie für mich und von "meiner" Trich, kann mir
allerdigns vorstellen, daß es andern teilweise ähnlich geht, und
bin gespannt, Eure Meinung zu erfahren (hoffe, die Menge erschlägt
niemanden!).
Ich habe mein ziemlich langes Geschreibsel (ausgedruckt nimmt es
3 1/2 A-4-Seiten ein) in kleinere Portionen geteilt, dies ist:
|
Rahels Gedanken zu Trich
 |
Teil
1
Probleme
bzw. Krankheiten wie die Trichotillomanie haben zwei Stadien und somit
zwei Ebenen - jedenfalls hab ich das für mich so festgestellt. |
 |
Teil
2 Die
Trich muss allerdings nicht einfach nur für immer und alle Tage
eine zur Gewohnheit ausgeartete Fehlreaktion bleiben,.........
|
 |
Teil
3 Umgekehrt bedeutet diese "Zwei-Ebenen-Theorie"........
|
 |
Teil
4 Die Trich ist Anzeiger für ein (unbeachtetes und/oder
unbefriedigtes) Bedürfnis.
|
 |
Teil
5 Bleibt die Frage, warum Trich als "Störung der
Impulskontrolle" bezeichnet wird bzw. ob meine Theorie dazu paßt.
|
 |
(Teil
6) Nun
könnte ich noch überlegen, wie es denn überhaupt dazu gekommen sein
könnte, daß ich Trich entwickelt habe, |
Rahels Gedanken zu Trich
|

|
Teil
1
Probleme bzw. Krankheiten wie die Trichotillomanie haben zwei Stadien
und somit zwei Ebenen - jedenfalls hab ich das für mich so festgestellt.
Zunächst
mal gibt es immer einen Auslöser, einen Grund, warum ich mir die
Haare ausreiße, z.B. Schwierigem ausweichen wollen, Ängste oder
Kummer wegschieben, Freude, Liebe, Wut oder Aggression nicht nach
außen bringen etc.
Die Trich bietet in all solchen Situationen eine gegen mich selbst
gerichtete Ersatzhandlung als Ventil, und es kann erstmal hilfreich
sein, es zur Verfügung zu haben - das ist Stadium/Ebene eins.
Wenn
allerdings diese Unfähigkeit, Situationen angemessen und nicht durch
Flucht ins Haarereißen zu lösen, unbeachtet und unbehandelt bleibt,
verändert sich mit der Zeit etwas und das zweite Stadium entwickelt
sich:
Es verfestigt sich die Handlung - die ja zunächst ein Ersatz für
das angemessene Klären bzw. Lösen einer problematischen Situation
ist - zur Gewohnheit, die immer mehr Raum einnimmt auch in vergleichsweise
(zu den ursprünglichen Auslösern) harmlosen Situationen wie Langeweile,
Unentschlossenheit, leichtes Unbehagen, Müdigkeit, Tagträumerei
etc. An diesem Punkt kippt es, da wird der Fluchtweg Trich zur Gewohnheit
Trich , das ist die zweite Ebene.
Die
Trich ist dann, selbst wenn hart daran gearbeitet wird, die Auslöser
zu beseitigen (d.h. nach echten Lösungen zu suchen), schon so weit
Automatismus, daß sie
-
erstens
nicht mehr einfach mit verschwindet (weil sie eben nicht mehr nur
Reaktion auf einen konkreten Auslöser ist, sondern sich zu etwas
eigenem abgetrennt hat),
-
zweitens
die Arbeit an den ursprünglichen Auslösern erschwert (weil sie sie
vernebelt und den Moment des Bewusstwerdens verzögert, also die
Realitätsflucht verlängert) und
-
drittens
zu einem eigenständigen Problem wird, weil das Haarereißen selbst
Folgen hat (kahle Stellen, anders nachwachsende Haare) und Gefühle
auslöst (Scham, Wut, Verzweiflung etc.), die wiederum zu weiterem
Reißen führen (=Teufelskreis).
|
 |
Teil
2
Die
Trich muss allerdings nicht einfach nur für immer und alle Tage
eine zur Gewohnheit ausgeartete Fehlreaktion bleiben, sondern kann
wie ein Störmelder anzeigen, wo etwas verkehrt läuft und somit positiv
genutzt werden für die Arbeit an der ersten Ebene, den Auslösern.
Das
setzt voraus, daß zuerst an dem zweiten, dem Gewohnheitsaspekt gearbeitet
wird, indem das unbewusste Reißen beendet wird (d.h. nicht aufhört,
sondern bewußt wird). Dies ist der schwerste Schritt, damit fängt
aber alles an (sogar in der Verhaltenstherapie): Trichtagebuch,
d.h. Selbstbeobachtung.
Wenn
dieser erste Schritt geschafft ist, kann es sofort aufwärts gehen
zu Ebene eins: Bin ich mir in einem konkreten Moment bewusst, daß
ich reiße, kann ich möglicherweise noch immer nicht aufhören. Aber
ich kann mich beim Weiterreißen fragen, warum ich eigentlich jetzt
gerade, in diesem einen Moment, reiße bzw. was ich eigentlich tun
will/sollte.
Wenn
ich gelernt habe, mich beim ersten Haar bereits zu ertappen, wenn
also der Gewohnheitsaspekt ins Wanken gerät, habe ich in der Trich
ein wertvolles Signal, das mir anzeigt, wenn etwas nicht stimmt.
Ich
kann dann auf den zwei Ebenen jeweils weiterarbeiten:
Auf der Gewohnheitsschiene nehme ich vielleicht einen anderen Gegenstand
in die Hand, stehe auf und bewege mich, nehme einen Stift und mache
wieder einen Strich oder mehrere in die Liste etc. pp. (es gibt
so viele Möglichkeiten wie Trichler...).
Die
Auslöserfrage, auf der zweiten Schiene, kann nach und nach geklärt
werden indem ich anfangs überhaupt erst mal realisiere, daß etwas
nicht stimmt, um dann Stück für Stück zu erkunden, was nicht stimmt,
indem ich z. B. anfange, einzelne Gefühle oder Gedanken wahrzunehmen,
sie dann vielleicht anzweifle, aber wiederholt beobachte, Zusammenhänge
erkenne, sie nicht mehr verleugne, wütend oder traurig oder amüsiert
darüber werde, Aha-Erlebnisse und Geistesblitze habe, mir Auswege
überlege und schließlich einen Weg suche, die Situation so zu verändern,
daß ich kein Ventil in Form der Trich mehr dafür brauche.
Es
gibt nicht für jedes Problem bzw. Bedürfnis sofort eine Lösung,
aber schon die Anerkennung des Problems als solches wird ja normalerweise
durch die Trich verhindert, obwohl das doch die Voraussetzung für
eine Lösung ist.
Wenn
das Problem/Bedürfnis da sein darf und nicht vermeintlich ausgerissen
wird, ist das wichtigste schon erreicht, alles weitere kann noch
unendlich mühsam und langwierige sein, aber der Knackpunkt ist geknackt.
Das
ist wie mit einer chemischen Reaktion, nehmen wir Tinte im Wasserglas:
Wenn die Tinte einmal drin ist, kann nichts sie daran hindern, sich
auszubreiten. Es kann sehr lang dauern, der Prozess kann durch herabsetzen
der Temperatur vorübergehend eingefroren oder durch Zusätze verändert
werden, aber die Vermischung von Tinte und Wasser ist angestoßen
und nicht mehr grundsätzlich aufzuhalten. (Oder, mit Worten aus
der Gestalttherapie: Du kannst hinter eine neue Erkenntnis nicht
mehr zurück, wenn Du sie Dir einmal erarbeitet hast, kann sie Dir
niemand mehr nehmen!)
|
 |
Teil
3
Umgekehrt
bedeutet diese "Zwei-Ebenen-Theorie", daß die Trich als Gewohnheit
(Ebene II) sich auch von der raffiniertesten Verhaltenstherapie
niemals vollends beseitigen lassen wird wenn ich nicht tiefer gehe,
d.h. auf die Ebene der wirklichen Auslöser (I), die beseitigt werden
müssen, denn die Gewohnheit ist ja nur die Oberfläche.
Ich
kann zwar den Schmierfilm aus Dreck und Motoröl, der sich auf meinem
Gartenteich angesammelt und fast alle Seerosen getötet hat, abschöpfen,
aber ich werde das immer wieder tun und tagtäglich viel Zeit und
Kraft darauf verwenden müssen, solange ich nicht realisiere, daß
er aus der Abflussrinne der Autowerkstatt auf dem Nachbargrundstück
gespeist wird, die entsprechend umgeleitet werden muß um das Problem
dauerhaft zu lösen. Nein, das Beispiel hinkt, denn so einfach ist
es nicht mit der Trich, es ist ja mit einer ein-für-alle-Mal-Lösung
nicht getan.
Also
nächster Versuch: Ich kann meinem Kind jedes Mal den Hintern versohlen
wenn es zu Besuch bei Freunden oder zuhause mit Gästen mal wieder
die Tischdecke samt gerade gefüllten Tellern und Rotweingläsern
zu Boden gerissen hat und ihm jedes Mal ein neues Spielzeug schenken
wenn es das nicht tut - so lang ich alles auf die Bosheit oder Unerzogenheit
des Kindes schiebe und ignoriere, daß es jeweils vorher eine halbe
Stunde lang signalisiert hat, daß es müde ist und schlafen will
oder eine volle Windel hat und der Hintern wund wird oder Hunger
hat und die Flasche leer ist, wird es wieder und wieder aus Verzweiflung
aufgrund seines unbefriedigten Bedürfnisses nach Ruhe, Trockenheit,
Nahrung genau so aufsehenerregend handeln, auch wenn es weiß, daß
es ihm danach eher noch schlechter gehen wird.
Gibt's
nicht auch ein einfacheres Beispiel, das der Trich näher kommt?
Wenn mir vor Hunger der Magen knurrt, kann ich alle halbe Stunde
eine Magentablette nehmen, um irgendwas zu tun, aber es wird nicht
wirklich helfen. Erst wenn ich den Hunger als das verursachende
Bedürfnis erkenne und ihn durch Nahrungsaufnahme stille, wird mein
Magen sich für länger als eine halbe Stunde beruhigen.
Die
Trich ist Anzeiger für ein (unbeachtetes und/oder unbefriedigtes)
Bedürfnis
|
 |
Teil
4
Die
Trich ist Anzeiger für ein (unbeachtetes und/oder unbefriedigtes)
Bedürfnis.
Wenn
ich dafür sorge, daß das Bedürfnis befriedigt wird, indem ich z.
B.
statt Unangenehmes aufzuschieben
den schwierigen Anruf erledige
oder das Kapitel für die Hausarbeit schreibe,
statt alles in mich reinzufressen und runterzuschlucken
meinem Freund erkläre, daß ich grad grantig und durcheinander sein
will und er mich bitte einfach mal zwei Stunden in Ruhe lassen soll
oder für das Problem mit meiner Chefin endlich einen Termin beim
Personalrat vereinbare
oder meiner nörgelnden Schwiegermutter sage, sie müsse ja nicht
bei mir einziehen und solle doch erst mal ihre eigene Wohnung putzen
bevor sie bei mir rummeckert usw. usw. ... bin ich die Trich los,
doch wenn nicht, wird sie immer wieder versuchen, meine Aufmerksamkeit
zu erregen, solange das Bedürfnis, z. B. nach Erledigung und Erleichterung,
nach Abgrenzung und nach Verteidigung meiner Würde und Rechte usw.,
besteht.
Die
Suche nach einem haar-schonenden Ausweg kann manchmal schon bei
"kleinen", individuellen Bedürfnissen, für die es auch einfache,
individuelle Lösungen gibt, schwer genug sein, handelt es sich allerdings
um Umstände, die ich allein nicht so ohne weiteres umgestalten kann,
wird es noch schwieriger, vor allem langwieriger.
Aber
um so wichtiger ist es, auch dann die Ursachen dort zu entdecken,
wo sie liegen, um mit kleinen Schritten dennoch eine Lösung zu suchen,
und wenn sie "nur" in einer veränderten Einstellung zu einer momentan
wirklich unabänderlichen Tatsache liegt.
Allerdings
entpuppen sich ja die meisten Tatsachen als gar nicht so unabänderlich,
jedenfalls solang es sich um von Menschen gemachte Zustände handelt.
Klar,
einen toten Menschen kann ich nicht auferwecken (ich kann mich allerdings
der Trauer um ihn stellen, statt sie ständig wegschieben zu wollen),
einen unheilbar Kranken nicht heilen (aber die Zeit, die noch bleibt,
sinnvoll verbringen und Abschied nehmen), ein vom Vulkanausbruch
verschüttetes Dorf nicht wieder herzaubern (aber um seinen Verlust
trauern und dann überlegen, wo ein neues gebaut werden könnte).
Doch
zunehmend menschenverachtende Zustände in einer immer stärker an
Wettbewerb und Gewinnmaximierung ausgerichteten Gesellschaft, in
Wohnsiedlungen, Schulen, Universitäten, am Arbeitsplatz, im Umgang
mit Erwerbslosen, "Ausländern", Behinderten, eigentlich allen Menschen,
deren Bedürfnisse nach einem guten Leben missachtet oder gar negiert
werden - diese Zustände kann ich verändern, und mir fällt kein Grund
ein, warum das nicht versucht werden sollte wenn es mir und andern
Menschen dabei hilft, glücklich(er) zu werden.
|
 |
Teil
5
Bleibt
die Frage, warum Trich als "Störung der Impulskontrolle" bezeichnet
wird bzw. ob meine Theorie dazu paßt.
Ich
bin nicht ganz sicher, was damit im psychologischen Fachjargon wirklich
gemeint ist, aber ich erklär es mal so, wie ich es verstehe:
Gesunde Menschen haben Impulse, die sie je nach Bedarf kontrollieren,
Trichler kriegen diese Kontrolle nicht so richtig hin und reißen
sich stattdessen die Haare aus.
Nu,
wie jetzt?
Haben
etwa alle Menschen den Impuls, sich die Haare auszureißen, wobei
die meisten ihn allerdings so kontrollieren können, daß sie es nicht
tun, und nur wir Trichler kriegen das nicht hin, weil unsere Kontrolle
gestört ist? Wohl eher nicht.
Worin
besteht der Impuls, worin die Kontrolle, worin die Störung? Ist
die Übersprungshandlung, das Ausweichverhalten gemeint? Alle Menschen
haben hin und wieder den Impuls, etwas rauszulassen, Wut, Aggression,
Hunger, Trauer, Begeisterung, Liebe, Haß, doch wir Trichler können/wollen/trauen
uns nicht, weil wir wissen, unsere Kontrolle ist gestört und es
könnte ganz problematische Folgen haben, also reißen wir ersatzweise
lieber Haare aus.
Wirklich? Hm, stimmt möglicherweise zum Teil, aber so ganz trifft's
die Sache auch noch nicht, denn es geht ja nicht immer um allerheftigste
Gefühlsausbrüche.
Vielleicht
entspricht der Impuls dem, was ich Bedürfnis nenne, und die Kontrolle
regelt die Befriedigung. Weil die bei uns Trichlern aber gestört
ist, tun wir einfach das falsche, also statt für die Prüfung zu
lernen haarereißen (oder fernsehen und dabei aus schlechtem Gewissen
haarereißen, was aufs selbe hinausläuft...), statt die nörgelnde
Schwiegermutter in die Schranken zu weisen betreten verstummen und
hinterher im stillen Kämmerlein den Frust an den Haaren auslassen,
usw.. - ja, so paßt es.
|
 |
(Teil
6)
Nun
könnte ich noch überlegen, wie es denn überhaupt dazu gekommen sein
könnte, daß ich Trich entwickelt habe, es ist mir nämlich weder
ein konkreter Zeitpunkt des ersten Ausbruchs noch irgendein traumatisches
oder sonst wie als Auslöser geeignetes Ereignis bekannt.
Aber
eigentlich kann mir das schnurzpiepegal sein, weil ich ja weiß,
warum ich es JETZT tue, und - viel wichtiger! - was ich tun und
lassen und ändern kann, um es nicht mehr zu brauchen.
Und
in diesem Sinne danke ich allen, die bis hierher gelesen haben,
für ihre Geduld, bin gespannt, was Ihr so meint, und wiederhole
mein flammendes Credo:
Es lebe der Glaube an ein trich-freies Leben!
Rahel
PS:
Trotz Magisterarbeit, die mich wirklich ziemlich streßt, bin ich
seit mittlerweile sechs Wochen reißfrei. Nur damit keiner sagt,
das sei ja nur graue Theorie - für mich klappt's momentan sehr gut!
Aber Ihr dürft das Ganze natürlich auch zerreissen
Dieser
Beitrag wurde von Rahel am 01.06.2006 12:26 Uhr (im Forum) editiert.
|
| |
|
| |
|
| |
|
|
|