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Liebe
Doris,
gerade bin ich hier ins Forum gegangen und hab deinen Beitrag gelesen.
Du schreibst: Wie bitte schafft ihr es, z.B. 39 Tage reißfrei zu
bleiben.
Nun,
bei mir sind es mittlerweile über 400 Tage Reißfreiheit. Eva hat
mir auch schon mal gesagt, dass ich beschreiben soll, wie ich das
geschafft hab. (Meine
Bilder findest du übrigens auf der Startseite in der TTM Galerie.
Da ich 30 Jahre beinahe ohne Unterbrechung gerissen habe, sind immer
noch sehr große Kahlstellen vorhanden. Allerdings belasten sie mich
nicht mehr, ich sehe sie als Narben meiner Trich.)
Ja,
wie hab ich das nur geschafft? Das war das Ergebnis jahrelanger
Arbeit an und mit mir selbst und manchmal kann ich es selbst noch
immer nicht ganz glauben, das ich es geschafft habe!! Ich habe viele
Dinge gemacht und manchmal hätte ich mir diese Therapien und Seminare
gar nicht leisten können, trotzdem hab ich meine Schwerpunkte darauf
verlegt, weil es immer mein größter Wunsch war, endlich glücklich
zu sein. Angefangen hab ich mit ca. 31 Jahren mit einer Gesprächstherapie.
Damals war meine Tochter gerade 2 Jahre alt und ich hatte mich von
ihrem Vater getrennt. Ich war unglücklich und habe mich einer Freundin
anvertraut. Sie hat mir dann geraten, eine Therapie zu machen. Offensichtlich
war mein Leidensdruck so groß, dass ich das auch gleich in Angriff
genommen hab.
Ich
komme aus einer Familie, in der immer nach außen alles hui war und
innen ziemlich viel pfui. Meine Tochter sollte glücklicher groß
werden als ich, ja, ich glaube, erstmal habe ich es für meine Tochter
angefangen. Trotzdem war es mir auch in und nach der Gesprächstherapie
lange noch nicht möglich, mit dem Reißen aufzuhören. Mir ist es
nach der Gesprächsthereapie innerlich besser gegangen und ich weiß
nicht, ob du das kennst, ich hab es wieder für ein paar Jahre geschafft,
meine Reißerei zu verdrängen. Es war mir zwar bewusst und doch wollte
ich mich damit nicht auseinander setzen. Es gab sowieso niemanden,
mit dem ich mich darüber groß unterhalten hätte können, Trich war
einfach völlig unbekannt. Hab ich gedacht und es dabei belassen.
Und meinen Freunden, denen hab ich schon erzählt, dass ich mir mal
die Haare gerissen habe und damit Schluss. Alle habe es so hingenommen,
ich hab ja auch deutlich signalisiert, dass ich darüber nicht sprechen
möchte. Also war ich mit meiner Tochter allein, ohne Vater. Freunde
hatte ich immer, ich brauchte etwas fürs Herz. Die Männer, die ich
mir damals gewählt habe taten mir nicht besonders gut und so habe
ich hin und wieder einen gehen lassen und mich bald mit einem anderen
angefreundet. Nur nicht allein sein!
Als
meine Tochter vier Jahre alt war, hat sich mein Vater das Leben
genommen und ich hatte wieder größere Reibereien mit meiner Mutter.
Als meine Mutter anfing, ihren Zorn an meiner Tochter auszulassen,
habe ich erstmal den Kontakt zu ihr abgebrochen. Vor ca. 9 Jahren
hab ich dann den Vater meines Sohnes kennen gelernt. Er war anders.
Er war sehr Familienverbunden und hat sich erstmal sehr um mich
bemüht. Als ich im dritten Monat schwanger war, hat er mich verlassen,
er hat es nicht geschafft, sich dauerhaft von seinen Eltern zu lösen,
die ihn immens unter Druck gesetzt haben. Die Schwangerschaft alleine
hat mir einerseits sehr viel Kraft abverlangt und andererseits habe
ich dadurch auch sehr viel an Kraft gewonnen. Ich kann das nicht
so genau beschreiben, was damals mit mir passiert ist. Jedenfalls
war da für mich klar, dass ich in Zukunft erstmal alleine bleiben
werde und mir dann die Männer etwas genauer anschauen würde, bevor
ich mich Hals über Kopf in sie verliebe.
Die
Geburt meines Sohnes war ein Horror für mich. Nach vier Stunden
heftigster Wehen ist mir die Gebärmutter gerissen und ich hatte
einen Notkaiserschnitt. Ich hatte noch niemals in meinem Leben so
große Angst zu sterben, wie damals! Wir hatten beide großes Glück,
wir waren trotz aller Tragik gut weggekommen. Ich war übrigens immer
noch allein damals, welcher Mann lässt sich auch mit einer schwangeren
Frau ein?! Als mein Sohn 1 Jahr alt war habe ich eine Ausbildung
zur Lernberaterin gemacht. Arbeiten mit Kinesiologie, das wurde
mir während eines Kuraufenthaltes von einem Atemtherapeuten empfohlen,
das war sehr spannend für mich. (Wobei ich mittlerweile nur noch
mit Teilen der Kinesiologie arbeite, die Art der Diagnostik lässt
mich doch sehr zweifeln.) Durch die Ausbildung habe ich eine Kinderdorfmutter
kennen gelernt, die mich gefragt hat, ob ich nicht so hin und wieder
mal die Wochenend- und Ferienbetreuungen für ihre Jugendlichen übernehmen
möchte. Das hab ich mir angeschaut und hatte großen Spaß daran.
Wir mussten zwar eine recht große Anfahrt in Kauf nehmen, das war
es mir allerdings wert. Meine Kids waren immer dabei.
In
dieser Einrichtung habe ich dann meinen damaligen Partner kennen
gelernt. Das war etwas ganz neues. Erstens, weil ich ja seit zweieinhalb
Jahren alleine mit meinen Beiden gelebt hatte und zweitens, weil
das ein sehr ruhiger und selbstloser Mensch war. Er hat mir in jeder
Minute das Gefühl gegeben, das ich unendlich wichtig bin. Da ich
mich allerdings noch nicht so sehr schätzen konnte, hat auch diese
Verbindung nur drei Jahre gehalten. (Heute ist er einer der wertvollsten
Menschen für mich. Obwohl ich ihn verlassen habe, wollte er weiterhin
Kontakt, allein schon wegen der Kinder. Auch wenn sich das seltsam
anhört, wir telefonieren täglich und die Kinder fahren immer den
ganzen August zu ihm. Ich kann das so annehmen und für ihn ist es
auch gut so.) Seither lebe ich wieder alleine.
Vor
eineinhalb Jahren habe ich dann wieder einen Mann kennen gelernt.
Er ist letzten März extra wegen mir hierher gezogen, wir leben allerdings
immer noch getrennt und das ist im Moment auch gut so. Ich war und
bin immer noch so verliebt, wie noch nie in meinem Leben. Und doch,
als ich ihn kennen gelernt habe und er mir gezeigt hat, wie sehr
er mich mag, hab ich mehr denn je an meinen Haaren gerissen, das
war eben vor eineinhalb Jahren. Ich bin so erschrocken, ich habe
das gar nicht verstanden. Da werd ich so sehr geliebt und reiße
noch mehr, als sonst?
Tja
und eines Nachmittags, es waren zufällig(?) alle meine Freunde anwesend.
Da ist es aus mir rausgeplatzt. Ich habe allen, die mich schon seit
Jahren kennen, erzählt, dass ich mir immer noch und mehr als je
zuvor die Haare ausreiße, und dass ich sie esse und dass ich ganz
wild darauf bin, die Wurzeln zu essen, weil die so schön knacken.
Und alle haben es sich angehört und konnten es überhaupt nicht verstehen.
Und sie haben mich nicht im Stich gelassen, sie haben sich nicht
abgewendet. Sie haben mich in den Arm genommen und haben mich einfach
weinen lassen. Ich habe an diesem Tag soviel und so schnell Wein
getrunken, dass ich mich total ausgekotzt hab. Werd ich wohl so
gebraucht haben. Es war ja auch nicht geplant, ich war ja selbst
völlig entsetzt von mir!! Und von den Dingen, die ich so offen und
laut ausgesprochen hab!! Und dann habe ich einfach aufgehört, mit
dem Reißen. (Vielleicht war es genau das, endlich mal ganz offen
und laut auszusprechen, was ich tue.) Ja, daraufhin hab ich mir
das Reißen abgewöhnt.
Ich
habe einfach nicht mehr gerissen. Ich wollte es nicht mehr machen!!!
Ich hatte schreckliche Wochen, als ich aufgehört habe zu Reißen,
ich bin hier mit einer Mütze im Haus herumgelaufen, ich war total
eklig drauf, einige Zeit und ich habe es geschafft. Ich habe mir
das Reißen abgewöhnt. Vielleicht liegt es daran, dass sich mein
Leben die vergangenen 12 Jahre lang so langsam zusammengefügt hat,
ähnlich, wie ein Puzzle? Und sicherlich war es auch, weil ich ja
von Herzen gern wirklich glücklich sein wollte! Da war ich wohl
bereit, alles dafür zu geben.
Und
ich bin ein Kämpfer, das weiß ich sehr gut, das hat mir auch mein
Leben gezeigt. Ich wollte auch nie ernsthaft und dauerhaft so eine
unglückliche Verbindung leben, wie meine Eltern es taten. Es waren
so viele kleine und größere Ereignisse, die mich verändert haben.
Ich habe sie bemerkt und irgendwann erkannt, dass jedes einzelne
dieser Teile sehr wichtig für mich war. Jedes Erlebnis in meinem
Leben, an das ich mich heute noch erinnern kann, hat dazu beigetragen,
dass ich heute reißfrei bin und vor allem mein Wunsch nach Glück
und Zufriedenheit.
Ich
lebe nach den „Vier
Versprechen“ von Don Miguel Ruiz, d.h. Ich bemühe mich, danach
zu leben. Das ist für mich Teil meiner Lebensaufgabe. Je mach Tagesform
mal mehr, mal weniger gut. Doch, tue ich immer mein bestes und so
komme ich gut damit klar! Ich bin ein großer Fan von „Anleitung
zum Unglücklichsein“ von Paul Watzlawick, ein Landsmann von dir.
(Übrigens, meine Mutter ist auch immer noch Österreicherin, obwohl
sie seit 44 Jahren in Deutschland lebt. Und wir haben heute ein
sehr gutes Verhältnis, ich sage immer sehr klar und freundlich,
was ich möchte und das klappt!)
Ich
versuche so gesund, wie möglich zu leben, in den drei wichtigen
Bereichen: Körper, Geist und Seele. Ich achte auf mich und lege
Wert auf viele kleine Rituale. Mittlerweile habe ich festgestellt,
dass ich selbst in großen Stresssituationen gar nicht mehr daran
denke, mir die Haare zu raufen. Ich denke, dass ich tatsächlich
über den Berg bin!! Ich bin überzeugt, dass jeder reiß frei werden
kann!! Und ich stelle fest, dass es sehr viel Freude macht, sich
um die Gesundung von Körper, Geist und Seele zu kümmern und,
ohne das Reißen zu leben!! Meine Haare wachsen, sie werden immer
dichter, wie oben schon erwähnt, komme ich mit den Trichnarben gut
klar, viele Krankheiten hinterlassen einfach Spuren fürs Leben.
Ich erlebe heute eine so große Freiheit, ich liebe meine Haare und
freue mich täglich darüber, dass sie wachsen!!!
Ich
habe die große Aufgabe zwei Kinder auf den rechten Weg zu begleiten
und meine Tochter spiegelt mir heute viele Dinge aus meiner eigenen
Jugendzeit. Ich glaube, dass wir uns einfach bei allem, was wir
tun die Frage stellen müssen, was bringt es mir, wenn ich das oder
das so tue. Was werde ich dann erreichen? Wohin wird mich mein Verhalten
bringen? Wo möchte ich hin? Was hätte ich gerne? Was brauche ich,
um wirklich glücklich zu sein? (Damit meine ich keine materiellen
Dinge) Was muss ich tun, für mein Seelenheil?
Liebe
Doris, ich wollte nur mal kurz ins Forum schauen, wie jeden Tag.
Jetzt hab ich dir so vieles auf deine Frage geschrieben und ich
danke dir, für deine Frage, es hat mir sehr gut gatan, dies zu schreiben!
Es
ist ganz einfach: JEDER IST SEINES GLÜCKES SCHMIED!! Wir müssen
uns nur die Mühe machen, ganz tief in uns hinein zu horchen, da
ist die Antwort zu finden!
Es
geht sicher nicht darum, es anderen recht zu machen. Denn wenn ich
glücklich bin, dann geht es anderen auch gut. Und wenn es anderen
mit meinem Glück nicht gut geht, dann sollen sie sich jemanden suchen,
der sich krank machen läßt.
Ich
war lange Jahre innerlich sehr krank und freue mich, dass ich heute
recht gesund bin. Und ich wünsche allen Kranken, egal, woran sie
leiden, dass sie für sich einen Weg finden, mit dem sie gut und
zufrieden sind!!! Von ganzem Herzen wünsche ich das allen Menschen!!!
Gute
Nacht,
Tina
Aus
Eva's TTM - Forum » Trichotillomanie allgemein »
Wie bitte schafft Ihr das reißfrei zu sein?
Vom 27.12.06
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