|
ZUSAMMENFASSUNG.
Trichotillomanie ("Zwanghaftes Haareausreißen") ist eine bisher
selten erwähnte Störung des Zwangsspektrums. Mit einer Lebenszeit-Prävalenz
von 0,6% besteht jedoch auch deutlicher Versorgungsbedarf.
Dieser
Beitrag soll mit dem Störungsbild vertraut machen, diagnostische
Kriterien, Komorbidität sowie Differentialdiagnosen erläutern sowie
Behandlungsmethoden darstellen, die sich in der bisherigen therapeutischen
Praxis bewährt haben. Dabei wird speziell auf Verhaltenstherapie
und pharmakologische Behandlung mit Serotonin-Wiederaufnahmehemmern
eingegangen. Weiterhin wird auf den Nutzen von Selbsthilfegruppen
eingegangen.
SCHLÜSSELWÖRTER:
Trichotillomanie, Komorbidität, Verhaltenstherapie, SSRI, Selbsthilfe
TRICHOTILLOMANIA
ABSTRACT.
Trichotillomania ("compulsive hairpulling") is subsumed under the
obsessive-compulsive spectrum disorders. Estimated lifetime prevalence
is 0,6%; there are too less therapists for professional treatment.
In our paper, we discuss diagnostic criteria, comorbidity as well
as differ-ential diagnosis. We explain treatment methods with special
focus on behavior therapy and medication with Serotonin Reuptake
Inhibitors. A short digression is devoted to self-help groups.
KEY-WORDS:
Trichotillomania, comorbidity, behavior therapy, SSRI, self-help
groups
S.466
1.
EINFÜHRUNG Trichotillomanie, auch bezeichnet als "zwanghaftes
Haareausreißen", ist eine in ihrer Auftretenshäufigkeit bisher deutlich
unterschätzte Störung. Sowohl Betroffene, die meist glauben, sie
seien die oder der einzige mit solch einem Verhalten, als auch viele
Ärzte und Psychotherapeuten, die mit dem Wunsch einer Behandlung
konsultiert werden, stehen dem Problem mehr oder weniger hilflos
gegenüber. Dabei ist Trichotillomanie keineswegs ein erst mit der
modernen Wissenschaft entdecktes Phänomen. Bereits in der griechischen
Antike wurde das Ausreißen von Haaren als gesellschaftlich sanktio-niertes
Ritual, jedoch auch im Zusammenhang mit psychischem Leiden beschrieben
(Christenson & Mansueto, 1999). Den Begriff "Trichotillomanie" führte
der französische Arzt Hallopeau im Jahre 1889 ein; dabei stehen
die griechischen Worte "tricho" für das Haar, "tillo" für die Bewegung
des Herausziehens sowie "manie" im hier gebrauchten Sinne für eine
übersteigerte Vorliebe für bestimmte Objekte, Situationen oder Handlungen
(Hallopeau, 1889; Stedman’s Medical Dictionary, 1982). In den folgenden
Jahrzehnten wurden immer wieder Einzelfälle beschrieben. Eine intensivierte
Aufmerksamkeit durch die Wissenschaft wurde der Störung erst in
den letzten ca. 10 Jahren zuteil. Dies hat jedoch zumindest im deutschsprachigen
Raum bedauerlicherweise noch nicht zu einer deutlichen Erhöhung
des Bekanntheitsgrades geführt. Berichten von Patienten zufolge,
die oft schon diverse Ärzte oder Psychologen aufgesucht haben, wird
das Haareausreißen häufig als "schlechte Angewohnheit" verharmlost.
Dies führt in der Regel zu einer Bestätigung der negativen Selbsteinschätzung
der Patienten, da sie heraushören, sie müßten sich nur ein wenig
mehr anstrengen, dann würden sie das Haareausreißen schon in den
Griff bekommen. Auch die häufig bestehende Komorbidität, überwiegend
zu Depression und Zwangsstörung, wird häufig unterschätzt. Eine
genaue Prävalenz der Trichotillomanie ist schwer einschätzbar, im
deutschsprachigen Raum existiert keine diesbezügliche Studie. Wie
bei vielen anderen Erkrankungen hat auch hier eine zeitweise höhere
Präsenz des Themas in den Medien einen Anstieg der Nachfragen nach
Beratungs- und Therapiemöglichkeiten zur Folge. Aus diesem Grund
soll dieser Beitrag mit dem Störungsbild vertraut machen sowie diverse
Behandlungsmöglichkeiten erörtern, deren Effektivität und differentielle
Indika-tion Gegenstand einer derzeitigen Studie an der Verhaltenstherapie-Ambulanz
in Hamburg ist.
S.467
2.
BESCHREIBUNG DES STÖRUNGSBILDES
2.1
PRÄVALENZ
In
der bisher einzigen publizier-ten Prävalenzstudie (Christenson et
al., 1991a) wurden 2579 Studenten untersucht. Grundlage waren die
diagnostischen Kriterien des DSM-III-R. Überraschenderweise wurde
bei 0,6% der Studenten beiderlei Geschlechts die Lifetime-Diagnose
einer Trichotillomanie gestellt; dies steht zunächst in Widerspruch
zu einem deutlich erhöhten Frauenan-teil in klinischen Stichproben.
In einem weiteren Schritt haben die Autoren vorausgesetzt, daß bei
weitem nicht alle Trichotillomanie-Betroffenen tatsächlich einen
Spannungsanstieg unmittelbar vor sowie einen Abfall an Spannung
während bzw. nach dem Haareausreißen empfinden; mit dieser Einschrän-kung
wurde eine Lifetime-Prävalenz von 1,5% für Männer und 3,4% für Frauen
ermittelt. Es existieren recht interessante Vermutungen derge-stalt,
daß der geringere Männeranteil bei Trichotillomanie lediglich ein
Artefakt sei; ein Grund dafür ist die Annahme, daß Männer einen
möglichen Haarverlust entweder auf Grund ihrer täglichen Rasur oder
im Zusammenhang mit dem im fort-schreitenden Alter häufig einsetzen
den genetischen Haarverlust verheimlichen oder erklären können (Christenson
et al., 1991b, 1994). Weiterhin zu berücksichtigen ist die Tatsache,
daß im Vorschulalter, bei der früh einsetzenden Trichotillomanie,
der sogenannten "baby trich" (Swedo & Leonard, 1992) Jungen und
Mädchen etwa gleich häufig betroffen sind. Christenson et al. (1991b)
schlagen als eine alternati-ve Erklärungsmöglichkeit vor, daß Kinder
in der Regel nicht selbst entscheiden, ob sie zum Arzt oder Therapeuten
gehen. Je fortge-schrittener das Lebensalter, desto eher steht das
Aufsuchen professioneller Hilfe im eigenen Ermes-sen; im Zusammenhang
mit o.g. Möglichkeit des Verbergens des Problems sind Frauen evtl.
eher dazu bereit (oder gezwungen), Hilfe zu suchen.
S.468
2.2
DIAGNOSTISCHE KRITERIEN
|
|
Die
Kriterien B und C nach DSM-IV sind oft in einem Erstkontakt nicht
eruierbar, da der Patientin* nicht bewußt. Bei intensiver Selbstbeobachtung,
wie sie z.B. im Rahmen einer Verhaltenstherapie stattfindet, gelingt
es vielen Patientinnen jedoch relativ schnell, eine Veränderung
in der internen Spannungskurve während der Handlung festzustellen.
Oft geht es nicht um spannungsauslösende Ereignisse unmittelbar
vor dem Akt des Haareausreißens, sondern um eine generell erhöhte
innere Anspannung.
*
Da der Anteil an Frauen in klinischen Populationen deutlich höher
liegt, verwenden wir im nach-folgenden Dokument die weibliche Form
"Patientin". 2.3
2.3
ERSCHEINUNGSBILD
Nicht
alle Trichotillomanie-Betroffenen sind auf Anhieb als solche zu
erkennen. Das Spektrum reicht hierbei von kaum sichtbaren, nur leicht
ausgedünnten Stellen bis hin zu völliger Kahlheit. Das Ausmaß
des nach außen hin Sichtbaren verhält sich unserer Erfahrung nach
jedoch keinesfalls proportional zum Leidensdruck. Bei einer Reihe
von Patientinnen reicht offenbar das Wissen darum, ein von ihnen
nicht gewünschtes, schädigendes und kaum kontrollierbares Verhalten
auszuüben, um sich in eine Behandlung zu begeben, während andere,
bei denen die kahlen Stellen unübersehbar sind, eine Therapie teilweise
mit der Begründung ablehnen, sie hätten sich mit ihrem Äußeren arrangiert.
Von der Trichotillomanie können sämtliche behaarte Körperregionen
betroffen sein. An erster Stelle steht mit deutlichem Abstand jedoch
das Kopfhaar; es ist in großer Anzahl vorhanden und jederzeit leicht
zugänglich. In einer Studie an 106 Patientinnen (Neudecker et al.,
1997) wurde die Häufigkeit der betroffenen Stellen folgendermaßen
angegeben:
| Tabelle
2: Betroffene Körperstellen (mit Mehrfachnennungen) |
| Betroffene
Stellen |
Häufigkeit |
| Kopfhaar |
96% |
| Schamhaar |
32% |
| Augenbrauen |
15% |
| Wimpern |
14% |
| Andere |
14% |
Diese
Ergebnisse unterscheiden sich etwas von denen amerikanischer Wissenschaftler,
in deren Studien das Ausreißen der Wimpern und Augenbrauen deutlich
häufiger genannt wird (47 bzw. 43 %; Chri-stenson, 1995). Meist
werden einzelne Haare ausgerissen, wobei die Wahl des Haares in
den überwiegenden Fällen nicht beliebig ist. So bevorzugen viele
Patientinnen dickere, sich unregelmäßig anfühlende, "krizzelige"
Haare. Auch ist der "Erfolg" größer, wenn eine Wurzel mit "erwischt"
wurde. Eher selten werden ganze Haarbüschel ausgerissen. Schmerz
wird dabei in der Regel nicht empfunden; es scheint eher, als ob
die Betroffenen sich in einem leichten dissoziationsähnlichen Zustand
befinden. Sie beschreiben teilweise das Gefühl einer "Käseglocke":
Die Gedanken sind anderswo, manchmal ist auch einfach ein Gefühl
der Leere vorhanden, vorangegangene Situatione sowie assoziierte
Gefühle spielen in dem Moment der Beschäftigung mit dem Haar keine
Rolle mehr. Selten wird jedoch auch berichtet, daß ein leichtes
Schmerzgefühl bewußt gesucht wird, welches dann eher lustvoll erlebt
wird. Überraschenderweise ist für viele Patienten jedoch nicht das
eigentliche Ausreißen, sondern die nachfolgende orale Beschäftigung
mit dem Haar, besonders mit der Haarwurzel, das "Entscheidende"
an ihrer Handlung. Sie kauen z.B. auf dem Haar herum, beißen die
Wurzel ab, zerteilen das Haar etc. Dies wird in der Regel als äußerst
genußvoll beschrieben.
2.4
BEGINN UND VERLAUF
In
sämtlichen bisher publizierten Untersuchungen liegt ein eindeutiger
Gipfel für das Einsetzen der Trichotillomanie etwa um das 12. Lebensjahr
herum (eigene Studie: mehr als 60% der Befragten began-nen zwischen
dem 11. und 15. Lebensjahr mit dem Ausreißen von Haaren; Neudecker
et al., 1997). Trichotillomanie kann jedoch auch schon im frühesten
Kindesalter sowie in wenigen Fällen auch erst im späteren Erwachsenenalter
beginnen. Entscheidend ist, daß das Verhalten sich meist sehr schnell
stabilisiert und auf diverse andere Situationen, in denen es subjektiv
einer Spannungsreduktion bedarf, generalisiert. Jedoch tritt das
Haareausreißen mit zunehmender Erkrankungsdauer auch immer häufiger
situationsunspezifisch auf; d.h., es wird in gewissem Ausmaß tatsächlich
zur Gewohnheit. Christenson und Mackenzie (1994) schätzten hierzu
in ihrer
S.470
Unterscheidung
zwischen automatischem und fokussiertem Haareausreißen, daß ca.
drei Viertel der Betroffenen überwiegend automatisch, d.h. aus Gewohnheitsaspekten,
ausreißen würde. Die Kombination beider Aspekte hat eine hohe Tendenz
zur Chronifizierung zur Folge. Die meisten Pati-entinnen kennen
kaum "reißfreie" Phasen, die länger als ein paar Tage andauern.
Ausnahmen stellen oft weitgehend spannungsfreie Zeitabschnitte,
wie sie z.B. im Urlaub auftreten, dar. Bei sehr stark betroffenen
Patientinnen kann es zu einer Verschiebung der bevorzugten Stelle
kommen; wenn z.B. sämtliche Haare der Augenbrauen ausgerissen sind,
kann die Person auf das Kopfhaar "ausweichen", bis wieder genügend
Haare an der bevorzugten Stelle zur Verfügung stehen. Auch gelegentliches
Nägelkauen kann eine vorübergehende "Notlösung" darstellen.
Aus dermatologischer Sicht ist anzumerken, daß die Haare prinzipiell
zwar nachwachsen, nach in-tensivem Reißen jedoch oft spärlicher
und teilweise auch mit Verschiebungen in Form und /oder Pigmentierung.
Bei schwer chronifizierter, starker Trichotillomanie muß langfristig
mit Kahlheit gerechnet werden.
2.5
KOMORBIDITÄT
Als
häufigste psychiatrische Li-fetime-Komorbidität wurde überein-stimmend
sowohl in amerikanischen Studien (z.B. Christenson et al., 1991b,
1995) als auch in unserer eigenen Untersuchung (Neudecker et al.,
1997) die Diagnose einer Major Depression gestellt. Etwa 50% der
Betroffenen litten im Verlauf ihres Lebens an mindestens einer depressiven
Episode. Aktuell besteht ebenfalls eine erhöhte Neigung zu Depressivität.
In unserer bereits zitierten Hamburger Untersuchung waren zum Zeitpunkt
der Erhebung mit dem BDI (Beck & Steer, 1992) 21% der Befragten
deutlich depressiv (BDI ³ 18) sowie weitere 19% mäßig depressiv
(BDI 11-17). Im therapeutischen Kontakt äußert sich dies jedoch
nicht als gedrückte Stimmung oder Antriebslosigkeit, sondern nahezu
ausschließlich in larvierter Form. Die Patientinnen erleben sich
als schnell erschöpfbar, angetrieben und kaum entspannungsfähig.
Eine ebenfalls erhöhte Komorbidität besteht zu Angststörungen; hierbei
steht die soziale Phobie im Vordergrund (35 %; Neudecker et al.,
1997). Klinisch sind jedoch die sozial defizitären Anteile erheblich
relevanter als die phobischen.
Im Bereich der Zwangsstörung schwanken die Angaben zur Komorbidität
zwischen 13% (Cohen et al., 1995; Christenson, 1995) und 50% (eigene
Untersuchung). Letztgenanntes Ergebnis wurde mit dem HZI-K (Klepsch
et al., 1993) in anonymer Befragung ermittelt; möglicherweise wurde
hier auch ein großer Anteil ich-syntoner Einstellungen und Verhaltensweisen
miterfaßt.
Seltener ermittelt wurde bisher die Komorbidität zu Achse-II-Störungen.
Ein Grund dafür ist sicher die Schwierigkeit, Persönlichkeitsstörungen
im Sinne einer Statusdiagnostik zu erfassen. Es kann jedoch davon
ausgegangen werden, daß der Anteil an Persönlichkeitsstörungen bei
Trichotillomanie-Patientinnen deutlich höher liegt als in der Normalbevölkerung.
S.471
Swedo
(Swedo, 1993) diagnostizierte bei 78% ihrer untersuchten Patienten
eine Achse-II-Störung, wobei der Anteil der histrionischen Persönlichkeitsstörung
am größten war, gefolgt von passiv-aggressiver und Borderline-Persönlichkeitsstörung.
Bei den Patientinnen, die sich gegenwärtig an unserer Ambulanz in
verhaltenstherapeutischer Behandlung befinden, liegt der Anteil
an Persönlichkeitsstörungen ebenfalls deutlich über 60%. Es handelt
sich dabei häufig um Mischbilder, in denen selbstunsichere, depressive,
explosible und emotional instabile Anteile eine Rolle spielen.
3.
ABGRENZUNG ZU VERWANDTEN STÖRUNGSBILDERN (DIFFERENTIALDIAGNOSEN)
3.1
ZWANGSSTÖRUNG
Trichotillomanie
weist auf phänomenologischer Ebene eine große Anzahl an Gemeinsamkeiten
zur Zwangsstörung und hierbei besonders zu Zwangshandlungen auf:
Im Vordergrund steht ein unkontrollierbar scheinender Impuls, die
Ausführung der entsprechenden Handlung wird zumindest rational als
"sinnlos" betrachtet (bis auf eine Reihe von Zwangspatienten mit
völlig fehlender Einsichtsfähigkeit). Ein Widerstand gegen die Ausführung
der Handlung erzeugt deutliche Anspannung, ein Nachgeben führt zu
einer Spannungsreduktion. Auch scheinen Angehörige ersten Grades
ähnlich häufig an Zwängen und/oder affektiven Störungen zu leiden
(Christenson et al., 1991b; Stanley et al., 1992). Diese Gemeinsamkeiten
führten zu der Annahme, Trichotillomanie sei so etwas wie eine Subgruppe
der Zwangsstörung und dieser diagnostisch unterzuordnen (Swedo et
al., 1992). Bei einigen Patientinnen scheint darüber hinaus Symmetrie
ein wichtiges Motiv für das Haareausreißen darzustellen. Jedoch
gibt es einige entscheidende Unterschiede. Der Beginn der Trichotillomanie
liegt zumeist in der Pubertät, also deutlich früher als bei der
Zwangsstörung. Es sind (zumindest in der klinischen Population;
siehe Abschnitt 2.1) überwiegend Frauen betroffen. Eine häufige
Auslösesituation ist Langeweile als potentielle Entspannungsmöglichkeit,
und es existieren keine begleitenden Zwangsgedanken oder -rituale
dergestalt, daß mit dem Ausüben der Handlung ein befürchtetes Ereignis
vermieden werden kann (Christenson et al., 1991b; Stanley et al.,
1992). Eine bedeutende Rolle spielen außerdem autostimulierende
Effekte des Haareausreißens sowie eine starke Genußkomponente; v.a.
letztere ist von hoher therapeutischer Relevanz. Sowohl aus theoretischer
als auch aus praktischer Sicht hat es sich bewährt, Trichotillomanie
als Störung des Zwangsspektrums zu betrachten (Hollander & Wong,
1995).
S.472
Sämtliche
hierin gruppierte Störungen sind durch aufdringliche Zwangsgedanken
und/oder sich wiederholende zwanghafte Verhal-tensweisen gekennzeichnet
und weisen hinsichtlich Ätiologie, familiärer und demographischer
Merkmale, Neurobiologie, Komorbidität, klinischem Verlauf und Reaktion
auf zwangsspezifische Verhaltenstherapie und Pharmakotherapie viele
Gemeinsamkeiten zur Zwangsstörung auf (Abbildung 1). Kritisch anzumerken
ist jedoch, daß die Kriterien für eine Zuordnung von Störungen zum
Spektrumskonzept bisher noch mangelhaft operationalisiert sind (McElroy
et al., 1994).
3.2
TIC UND STEREOTYPE BEWEGUNGSSTÖRUNG
Die
Handlung des Haareausreißens hat, oberflächlich betrachtet, einige
stereotyp anmutende Merkmale, die v.a. beim unbewußten, automatisierten
Haareausreißen zum Tragen kommen. Jedoch kann hier eine klare Grenze
gezogen werden; Trichotillomanie ist keine unwillkürliche, sondern
eine funktionale und prinzipiell steuerbare Verhaltensweise. Die
Abgrenzung zur Ticstörung ist nicht ganz so einfach. Viele Betroffene
empfinden ihr Verhalten als eine Art Tic, der in Anspannungssituationen
in seiner Häufigkeit zunimmt. Auch fällt es schwer, eine Funktion
des Verhaltens zu entdecken; es scheint völlig sinnlos und dazu
noch selbstschädigend. Jedoch scheint dies lediglich auf den hohen
Automatisierungsgrad der Handlung zurückzuführen zu sein; bei genauer
Beobachtung finden sich sowohl auf Mikro- als auch auf Makroebene
klare Auslösefaktoren und verstärkende Konsequenzen (s.a. Neudecker
& Hand, in Druck).
Abb.
1: Störungen des Zwangsspektrums (nach Hollander & Wong,
1995)
|
S.473
3.3
BORDERLINE-PERSÖNLICHKEITSSTÖRUNG
Kernpunkt
der Frage, ob Trichotillomanie etwas mit der Borderline-Störung
zu tun hat, ist die Einschätzung des Haareausreißens als selbstverletzendes
Verhalten. Bisher ist es offenbar nicht gelungen, eine Brücke zwischen
dem eher verhaltenstherapeutischen Konzept der Zwänge und der bis
zur Veröffentlichung der "Dialektisch-Behavioralen Therapie der
Borderline-Persön-lichkeitsstörung" (Linehan, 1996) vorwiegend tiefenpsychologisch
geprägten Auseinandersetzung um Selbstverletzung zu schlagen. Zumindest
auf phänomenologischer Ebene könnte das Haareausreißen ein "Baustein"
dieser Brücke sein. Zwar erhalten bei weitem nicht alle Trichotillomanie-Patientinnen
die Diagnose einer Borderline-Störung gemäß der diagnostischen Kriterien;
einige Ge-meinsamkeiten findet man jedoch bei fast allen Betroffenen.
So erleben sie im Moment des Haareausreißens Spannungsabfall, manchmal
bewußt intendiert. Es liegt zumeist Analgesie vor, es sei denn,
der Schmerz wird bewußt und im Sinne einer Autostimulation ("sensation
seeking") gesucht, um sich selbst zu spüren. Diese dissoziationsähnlichen
Zustände bedürfen bei Trichotillomanie-Patientinnen jedoch noch
einer genaueren Überprüfung.
Abbildung 2 zeigt darüber hinaus, daß Trichotillomanie auch auf
einer übergreifenden Ebene von Persönlichkeitsmerkmalen, die die
Risikobereitschaft betreffen, auf einem Kontinuum von compulsiv
bis impulsiv etwa in der Mitte zwischen Zwangsstörung und Borderline-Persönlichkeitsstörung
liegt (Abbildung 2).
4.
BEHANDLUNG
4.1
VORBEMERKUNG
Zum
gegenwärtigen Zeitpunkt ist es schwer zu sagen, welches Behandlungsverfahren
das beste bei der Therapie der Trichotillomanie ist. Einzelne Berichte
haben zwar immer wieder auf das gute Abschneiden von Patientinnen
hingewiesen, die mit Verhaltenstherapie behandelt wurden (z.B. Azrin
et al., 1980; Gluhoski & Pato, 1994); jedoch fehlen kontrollierte
Studien. Ein Grund dafür ist sicherlich, daß die Anzahl der Betroffenen,
die einen Therapiewunsch haben, doch noch vergleichsweise gering
ist, so daß systematische Untersuchungen nur mit hohem zeitlichen
Aufwand betrieben werden können. Auch über medikamentöse Behandlung
(vorzugsweise mit Clomipramin und Serotonin-Wiederaufnahmehemmern)
wurde positiv berichtet (z.B. Swedo et al. 1989; Pollard et al.,
1991). Jedoch konnten andere Forscher in einer Doppel-Blind-Studie
keine Überlegenheit von Fluoxetin gegenüber Placebo feststellen
(Christenson et al., 1991c). Die Ergebnisse sind also zunächst noch
widersprüchlich, Katamnesedaten fehlen. Es herrscht jedoch Einigkeit
darüber, daß Verhaltenstherapie und/oder Pharmakotherapie die Verfahren
der Wahl sind. Aus diesem Grund soll im Anschluß auch ausschließlich
darauf eingegangen werden, was nicht bedeuten soll, daß andere Therapieverfahren
im Einzelfall nicht auch hilfreich sein können.
S.474
4.2
VERHALTENSTHERAPIE
Die
oben zitierten amerikani-schen Studien zur Verhaltensthera-pie der
Trichotillomanie umfassen ausnahmslos symptomzentrierte Vorgehensweisen.
Ausgangspunkt ist der hohe Gewohnheitsanteil des Haareausreißens.
Das an unserer Ambulanz praktizierte Vorgehen orientiert sich jedoch
eher an einem Modell, das im Rahmen der Behandlung pathologischer
Spieler entwickelt wurde (Hand & Kaunisto, 1984). Dies folgt der
Theorie, daß Verhaltensexzesse zumindest zu einem gewissen Anteil
eine Art "Beschäftigungstherapie" oder Ablenkung dergestalt sind,
daß in Phasen, in denen die oder der Betroffene mit hoher Wahrscheinlichkeit
mit eigenen, negativ besetzten Emotionen konfrontiert wäre, eine
Distanz zu diesen Gefühlen geschaffen wird und diese nicht mehr
wahrgenommen werden (Hand, 1998a, 1998b). Dabei muß es sich nicht
ausschließlich um eine Abwehr depressiver Impulse handeln; diese
tauchen jedoch am häufigsten auf, wenn es gelingt, das exzessive
Verhalten aufzugeben. Andererseits sind es genau diese im Hintergrund
einer Symptomatik liegenden Be-dingun-
 |
S.475
gen,
die eine reine Symptomtherapie zumindest deutlich erschweren, wenn
nicht sogar unmöglich machen. Für die verhaltenstherapeutische Behandlung
bedeutet dies, in der Verhaltensanalyse Bedingungen und Funktionen
der Symptomatik genau zu erfassen, um dann nach einem multimodalen
Ansatz (Hand, 1998b) vorzugehen, welcher das gesamte Methodenspektrum
der Verhaltenstherapie einschließlich symptomzentrierter Techniken
umfaßt. Für beide Ansätze sollen einige Beispiele genannt werden:
Symptomzentrierte
Therapie: · Habit Reversal Training (HRT; Azrin & Nunn 1977;
Baer 1993): Diese Technik eignet sich besonders gut zur Behandlung
des automatisierten und situationsunspezifischen Verhaltensanteils.
Sie besteht aus 5 Schritten:
Aufmerksamkeitstraining, Erlernen einer konkurrierenden Reaktion,
Entspannungstraining, Verstärkung und Generalisierungstraining.
· Stimuluskontrolle: Die Patientinnen lernen hierbei, typische
Situationen zu identifizieren, in denen das Problemverhalten auftritt
(z.B. beim Lesen eines Buches, verbunden mit einer bestimmten Körperhaltung),
und erproben Alternativen.
· Exposition: Eine realitätsnahe Situation, in welcher der
Impuls zum Haareausreißen auftritt, ist in der Therapie kaum herzustellen.
Es ist jedoch möglich, die Patientinnen für eine gewisse Zeit in
einem Zustand zu halten, in dem keine Ablenkungsmöglichkeit besteht
und sie so mit ihren Gedanken und Gefühlen konfrontiert werden ("emotionale
Exposition"). Dies ist teilweise schwierig durchzuführen, kann jedoch
im Einzelfall entweder wertvolle Hinweise für eine hintergrundsorientierte
Therapie erbringen oder der Patientin die Erfahrung ermöglichen,
daß sie die Situation auch ohne Haare auszureißen aushalten kann.
· Weitere Techniken: Für einen Teil der Patientinnen ist
es hilfreich, in kritischen Situationen, die typischerweise zum
Haareausreißen führen, ihre Hände zu beschäftigen (z.B. durch Knautschbälle
etc.). Der Kreativität sind hierbei keine Grenzen gesetzt. Es sollte
sich aber unbedingt um etwas handeln, was die Patientin gerne anfaßt,
um der positiven Genußkomponente des Haareausreißens tatsächlich
etwas entgegensetzen zu können.
Therapie
"am Symptom vorbei":
· Biographische Arbeit, z.B. Werte und Normen in der Ursprungsfamilie
(vertikale Verhaltensanalyse), Umgang mit Emotionen, Verlusterlebnisse;
· Training sozialer Kompetenz (z.B. Rollenspiele mit Videofeedback,
Übungen in vivo);
· Angehörigengespräche bei hoher interaktioneller Funktionalität
des Symptoms;
· Depressionsbewältigung;
· Training emotionaler Wahrnehmungs- und Ausdrucksfähigkeit,
Umgang mit und Bewältigung von Gefühlen (z.B. nach Linehan, 1996);
· Förderung von Genuß- und Entspannungsfähigkeit, Erlernen eines
nichtselbstschädigenden Umgangs mit Anspannung.
S.476
Sämtliche
genannten Therapiebestandteile sollen lediglich Vorschläge darstellen;
sie erheben natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Anhand
einer genauen Hypothesenbildung sollte die gewählte Strategie mit
der Patientin besprochen werden; es versteht sich von selbst, daß
der Erfolg der Einzelmethode regelmäßig überprüft wird und im Rahmen
eines zirkulären, hypothesenklärenden Prozesses ggf. eine Erweiterung
oder Modifikation des Störungsmodells notwendig ist.
4.3
MEDIKAMENTÖSE THERAPIE
Wie bereits oben erwähnt, sind die Ergebnisse zur pharmakologischen
Behandlung der Trichotillomanie bisher noch unbefriedigend. Jedoch
scheint es eine Tendenz zum Einsatz von selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern
zu geben, welche sich aus der phänomenologischen Nachbarschaft von
Trichotillomanie und Zwangsstörung ergibt. In unserer Studie konnten
wir beobachten, daß ca. 80% der so behandelten Patientinnen (Paroxetin
und kurze supportive Kontakte) Responder waren, was bedeutet, daß
zumindest eine deutliche Reduktion des Haareausreißens eintrat.
Die Patientinnen beschrieben sowohl einen Rückgang der Impulse als
auch eine bessere Fähigkeit, diesen zu widerstehen. Dieser Effekt
ist sicher unspezifisch und wahrscheinlich auf ein ebenfalls durch
die Patientinnen beschriebenes geringeres Anspannungsniveau sowie
bessere Entspannungsfähigkeit zurückzuführen. Die Dosierung sollte
individuell abgestimmt werden; als Orientierungspunkt kann die Dosisempfehlung
bei der Behandlung der klassischen Zwangsstörung gelten, wobei einige
Patientinnen bereits mit geringerer Dosis auskommen. Eine Kombination
von Verhaltens- und medikamentöser Therapie kann v.a. zu Beginn
einer Behandlung sinnvoll sein; genauere Empfehlungen können wir
jedoch erst nach Abschluß unserer derzeitigen Untersuchung aussprechen.
Wir führen an der Verhaltenstherapie-Ambulanz des Universitätskrankenhauses
Hamburg-Eppendorf seit 1997 eine offene Studie zum Vergleich von
multimodaler Verhaltenstherapie versus SSRI-Behandlung mit Paroxetin
durch. Diese Studie ist bewußt nicht randomisiert und eng an den
Erfordernissen der ambulanten psychotherapeutischen und nervenärztlichen
Versorgung orientiert. Mit abschließenden Ergebnissen ist etwa Ende
2000 zu rechnen.
5.
SELBSTHILFE
Derzeit
spielen Selbsthilfegruppen für Trichotillomanie-Betroffene
eine wichtige Rolle im Versorgungssystem. Zum einen ist es bei dem
bisher geringen Bekanntheitsgrad der Störung äußerst wichtig und
entlastend für die Betroffenen, sich kennenzulernen und auszutauschen.
Außerdem stellt sich die therapeutische Versorgung von Trichotillomanie-Patientinnen
derzeit noch sehr schwierig dar. So ist es möglich, in Gruppen Erfahrungen
auszutauschen und evtl. auch gemeinsam am Problem zu arbeiten, z.B.
nach dem Programm zum Habit Reversal Training (Baer, 1993). Kontakte
zu Selbsthilfegruppen können über die Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen
in Osnabrück aufgenommen werden. Aus unserer bisherigen Erfahrung
ist jedoch zusätzlich eine professionelle Behandlung indiziert und
notwendig.
S.477
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